von süss bis ungeniessbar

Happy birthday kleiner Bruder

Seit ich denken kann, fühle ich mich als die „alte Schwester“. Keine Zahl konnte je etwas daran ändern. Schliesslich bin ich knapp 8 Jahre älter als mein Bruder. Und jetzt? Jetzt wird alles anders!!!

Mein kleiner Bruder kommt heute endlich im Club der 50-jährigen an – und da ich auch noch in den 50-igern bin, fühle ich mich gerade nicht mehr ganz so alt.

Alles Gute und noch vielmehr wünsche ich Dir, kleiner Bruder.

Wir sind Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und das ist total okay so!

Früher warst Du der Wilde, Ungestüme und ein Dauerquerschläger. Ich war die Ruhige, Besonnene und Angepasste. Und irgendwann hat sich das gedreht. Keine Ahnung, wann das passiert ist. Fakt ist aber: Heute bist Du der Besonnene, Ruhige und pragmatisch Denkende. Ich bin die Ungestüme mit der grossen Klappe, die nicht selten spricht, bevor sie denkt – und die das mit Abstand grösste Dokumentenchaos der Welt beherrscht! Bei Dir herrscht Ordnung. Früher sah das gaaaaaaanz anders aus!!

Haben die Leute früher Prognosen zu unserer Zukunft abgegeben, wurdest Du nicht selten zum „hoffnungslosen Fall“ erklärt, weil Du so gar nicht in der Spur laufen wolltest. Und mir wurden Dinge vorausgesagt, die nicht einmal ansatzweise eingetroffen sind. Heisst: Ich habe also keine grosse Schriftstellerkarriere gemacht und ich kann auch nicht mit Uni-Abschlüssen glänzen, obwohl das alle dachten.
Stattdessen hast Du eine Bilderbuchkarriere gemacht, die Du Dir hart erkämpft und auch verdient hast. Gut gemacht, kleiner Bruder!!!

Unsere Talente lagen immer schon Galaxien auseinander. Heute bin ich froh drum – nicht selten nehme ich den Hörer zur Hand, wenn ich mal wieder an einer Vertragsfloskel scheitere oder eine Erfolgsrechnung nicht richtig deuten kann.

Besonders lustig finde ich immer wieder die Tatsache, dass wir auch mit unseren Kindern quasi einen Generationensprung vollzogen haben. Du bist Papa dreier Pubertiere – ich habe schon lange erwachsene Kinder und bin Oma zweier Enkelkinder, die schon den Kindergartenweg unter die Füsse nehmen.

Jup, wir haben beide dem Plan der anderen noch nie entsprochen – aber unserem eigenen dafür. Gut gemacht, Bruderherz.

Happy birthday!

P.S.: Das Bild entstand übrigens einmal bei einem Bräteln mit meinen Kollegen an der Aare, als Du wieder „ums Verrecke“ mitkommen wolltest. #kleinerBruderimSchlepptau

Der Geruch von Kaffee …

… wenn man morgens aus dem Bett krabbelt – der war wunderbar. Und mir war nie klar, wie wichtig solch vermeintlich unwichtige Dinge sind.

Seit genau diese Dinge fehlen, realisiere ich, wie „leer“ ein Zuhause sich anfühlen kann. Es roch jahrelang nach Kaffee, wenn ich aufgestanden bin – weil der Göttergatte der Frühaufsteher war bei uns. Jetzt riecht es nach …. NICHTS. Und auch wenn unsere Heizung läuft, schlagen mir gefühlt Minusgrade entgegen, wenn ich die Schlafzimmertüre öffne und durchs Treppenhaus in die Küche gehe.

Es sind 1000 kleine Dinge, deren Fehlen auf einmal unsäglich schmerzen:

  • der Geruch nach frischem Zopf aus dem Ofen (obwohl der weltbeste Tinu immer für mich backt).
  • das morgendliche Schneuzen, das mich manchmal fast aus den Hausschuhen geblasen hat.
  • das Rascheln der Zeitung, um die sich der Göttergatte jeden morgen mit unserem Kater gezofft hat.
  • das gemeinsame Zähneputzen in unserem Badezimmer – ich schaffe es nicht, die Zahnbürste wegzuräumen.
  • das genervte Schnaubgeräusch, wenn ich mal wieder den Geschirrspüler nicht im Göttergatten-System eingeräumt hatte.

Ja, sogar Dinge, die vorher genervt haben, fehlen auf einmal. Das Gehirn spielt mir da offenbar einen Streich. Oder es sind eben doch lieb gewonnene Gewohnheiten, die halt im Verlaufe der Jahrzehnte manchmal genervt haben.

Ich habe manchmal das starke Bedürfnis, aufzuräumen – nach dem Motto:

„Was ich nicht mehr seh, tut nicht mehr weh!“

Trugschluss! Es ist zwar ein grosser Bestandteil des Loslassens und der Verarbeitung, wenn man Dinge wegräumt, die nicht mehr gebraucht werden. Es gibt aber für alles eine Zeit im Leben. Und nur weil man aufräumt, tut es danach nicht weniger weh. Die Erinnerungen sind nämlich alle im Herzen. Und nur dort!

Sie sind nicht in der Urne, nicht in Schubladen, nicht in Ordnern oder Kisten – dort sind nur die Trigger, die unsere Erinnerungen wieder ankurbeln. Die wahren Erinnerungen sind warm verpackt im Herzen – und dort ist es auch, wo es sich so leer anfühlt, wenn eben am Sonntagmorgen wieder einmal der Duft vom Kaffee fehlt …

Sterben ist nichts für Feiglinge …

Wir Menschen gehen grundsätzlich davon aus, dass das schlimmste, was uns passieren kann, der Tod ist. Dachte ich auch …

Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher – weil ich ja nicht weiss, wie es „auf der anderen Seite“ ist. Aber eines weiss ich mit Sicherheit: Zurückbleiben ist auch nichts für Feiglinge!

Es tut nicht nur in der Seele weh und reisst einem ein Stück Herz heraus. Es fordert einen in der Welt der Trauer auch noch im Kopf. Und wie!!
Ich weiss nicht, wieviele Formulare ich schon ausgefüllt habe. Es sind gefühlt 100te. Und das, obwohl wir im Vorfeld alles bestens geregelt und niedergeschrieben hatten – inklusive notarieller Unterstützung und Beglaubigung.

Machmal fühlt sich das, was im Nachgang eines Todesfalls kommt, wie ein Seelenstriptease an. Okay, ja – ich mache den freiwillig hier auf meinem Blog – zu Therapiezwecken oder einfach weil ich alles und immer ge- und beschrieben habe. Aber dass man von diversen Ämtern einmal auf links und wieder zurückgedreht wird, das ist doch ganz schön anspruchsvoll.

Es ist nicht so, dass ich etwas zu verstecken hätte – im Gegenteil. Wir gehören zu den Schweizer Bünzlis, die immer alles brav geregelt und abgerechnet haben. Aber dieses Gefühl von „gleich kommen sie und zählen noch meine Unterhosen“, das finde ich semi toll.

Klar, unsere Gesetzgebung ist so. Nicht dass ich irgendwo eine Leiche meines verstorbenen Mannes im Keller verstecken könnte – oder noch besser: Einen Goldschatz!

Und so gibt es Tage, an denen nicht nur mein Herz schmerzt, sondern auch meine Finger – vom Ausfüllen weiterer Formulare, vom Zukleben weiterer Umschläge und vom Unterschreiben weiterer Bestätigungen. Und dazu muss ich neuerdings noch immer ankreuzen, dass ich jetzt verwitwet bin. Bäh – ich hasse dieses Wort.

Es sind nun knapp 5 Wochen seit dem Tod meines Göttergatten und ich habe noch keinen Tag gehabt, an dem es nicht mindestens eine Sache zu organisieren gab. Unfassbar, wie kompliziert Sterben ist – oder eben Zurückbleiben.

Wenn ich selber einmal abtrete werde ich erfahren, welches nun die schwierigere Situation ist. Ich hoffe aber inständig, dass mein Göttergatte auf der Venus nicht auch soviele Formulare beim Check-in ausfüllen musste. Er hat es nämlich gehasst, immer wieder dieselben Daten überall aufschreiben zu müssen.

P.S.: Und dann gibt es noch jene, die einfach nicht kapieren wollen, dass sie in ihren Adressdateien nun Frau Daniela Jäggi hinterlegen müssen. Auch nach mehrmaligen Meldungen bekomme ich dann die Post an Herrn Daniela Jäggi. Damminomou, ich bin eine Frau – was ist so schwierig an dieser kleinen Änderung?
„Unser System generiert das automatisch, wissen sie.“

1 Monat ohne Dich

Wow, ich bin grad überfordert mit diesem Gedanken, dass Du schon seit einem Monat nicht mehr hier bist. Es fühlt sich an, als ob es gestern gewesen wäre – oder doch nicht? Irgendwie fühlt es sich auch schon wie ein halbes Leben an …

Schleudergang!

In den letzten Tagen habe ich so oft das Bedürfnis, Dir etwas zu erzählen. Und dann tut es unsäglich weh.

Ich möchte Dir aber noch einmal sagen, dass Dir leider nie bewusst war, wie sehr Du geschätzt worden bist. Nicht nur von mir und den Kindern – von so vielen Menschen!

Jeden Tag kommen Zeichen von Leuten, die Dich vermissen. Du dachtest immer, Du seist nicht so wichtig und kaum einer würde merken, wenn es Dich nicht mehr gäbe. Was für ein kompletter Blödsinn. Du wurdest von so vielen Menschen geliebt, geschätzt, gemocht und Du wirst nun so vermisst. Ich wünschte, Du würdest es sehen, lesen, hören oder was auch immer. Und ich möchte Dir das so gerne erzählen!

Bedingt durch Deine verkorkste Kindheit dachtest Du immer, Menschen wie Dich könne man nicht lieben. Ich habe Dir jahrzehntelang immer und immer wieder gesagt, dass das nicht stimmt. Und Du hast bei mir und unserer Familie ein Zuhause gefunden, wo Du Liebe und Familiensinn erfahren und lernen durftest.

Und doch blieb bei Dir immer die eingeimpfte Frage aus der Kindheit zurück, wie man jemanden wie Dich lieben könne.

Mick, ich habe Dich ein Leben lang geliebt – unsere Kinder haben Dich ein Leben lang geliebt – meine Eltern haben Dich ein Leben lang geliebt – Deine Freunde haben Dich ein Leben lang geliebt – unser grosses Netz hat Dich ein Leben lang geliebt.

Heute hadere ich gerade besonders mit der Tatsache, dass es in Deinen ersten 20 Lebensjahren prägende Menschen gab, die Dir so fest eingeimpft haben, dass Du unerwünscht warst, dass ich mit aller Kraft dagegen halten musste, um Dich vom Gegenteil zu überzeugen. Und doch ist es mir nur bedingt gelungen. Du hast zwar immer gesagt, dass Du Dich geliebt von uns fühlst und dass Du nirgends mehr zu Hause warst, als bei uns. Das kleine „aber“ schwang bei Deinen Worten jedoch immer ein klitzekleines bisschen mit.

Ich möchte Dich in den Arm nehmen und Dir sagen: Du wurdest unfassbar fest geliebt und das wird auch über Deinen Tod hinaus so bleiben.

Ich vermisse Dich.

Ärzte und andere …

Immer wieder werde ich gefragt, wie wir es geschafft haben, mit der fatalen Diagnose meines Göttergatten eine so lange und gute Überlebenszeit von über acht Jahren erreichen zu können.
Er war ab Tag eins ein palliativer Patient mit einer sehr schlechten Prognose. „Metastasiertes Nierenzellkarzinom mit Metastasen in Hirn und Lungen“ lautete der Befund, als es vor über acht Jahren losging. Sämtliche Statistiken, Studien und Erkenntnisse der Fachleute zeigten auf eine kurze Überlebenszeit von weniger als einem Jahr. Manche wiesen uns sogar darauf hin, dass grosse Operationen oder Therapien im Fall meines Mannes „schlicht keinen Sinn mehr machen würden“.

Mir wurden Aussagen um die Ohren gehauen, die mich – retrospektiv betrachtet – zur absoluten Kampfsau an der Onkofront haben werden lassen. Das einzige, was mir damals fehlte, war ein guter medizinischer Sparringspartner an der Seite, der mich und meine Familie auf diesem Weg begleiten würde. Für meinen Göttergatten war ab Tag eins klar, dass er von diesem ganzen Krebszeug möglichst wenig wissen wollte. Also musste ich das Management seiner Krankheit zu mir nehmen. Dafür brauchte ich aber – nebst unseren Kindern, die mit mir das interne Familien-Onkoboard bildeten – einen Fachmann, der bereit war, diesen Weg mit uns in Angriff zu nehmen.

Nach einigen Fehlgriffen habe ich ihn dann gefunden – in der Person von Dr. med. Andreas Barth, der mich an einem Sonntag angerufen hat, weil ich ihm tags zuvor eine Mail geschrieben hatte. Noch heute weiss ich, dass ich dachte, ich spinne. Ein Arzt, der an einem Sonntag die verzweifelte Ehefrau eines Krebspatienten anruft.

Nun, das war der Start einer unfassbar genialen Zusammenarbeit mit einem belesenen, interessierten und menschlichen Onkologen, der uns zeigte, dass es viele Wege gibt, um ein Ziel zu erreichen. Und nicht eine einzige Sekunde gab uns dieser Mensch das Gefühl, über uns zu stehen, weil er über einen Arzttitel verfügt. Ganz im Gegenteil: „Wir müssen eng zusammenarbeiten – mehr Augen sehen mehr und mehr Ohren hören mehr!“ Ja, damit hatte er recht, wie so oft.

Wir wurden zu einem eingeschworenen Onkoteam – wir lernten viel von ihm und selbst die schrägsten Ideen von mir nahm er ernst und wir brüteten gemeinsam über mögliche Umwege und Sondereinsätze, die sonst mit einem müden Lächeln einfach abgeschmettert worden wären (was wir leider mehr als einmal erlebt haben).

Was ich damit sagen will? Also zuerst einmal ganz einfach „DANKE DR. BARTH, SIE SIND DER HAMMER!“

Und was ich noch sagen will? Es braucht mehr, als nur Überlebenswillen, um bei einer solchen Diagnose soviel gute Lebenszeit zu erkämpfen. Es braucht das Interesse an der Krankheit, um sich genaustens einlesen zu können. Es braucht den Mut, sich auf unkonventionelle Wege einzulassen. Es braucht die Frechheit, vermeintlich unerreichbare medizinische Grössen anzuschreiben, sie anzurufen oder bei ihnen vor dem Office zu stehen, um angehört zu werden. Es braucht zur Not auch mal einen Sitzstreik in einem Krankenhaus, welches die Bilder und Befunde nicht freiwillig rausrücken will. Es braucht ein ganzes Team, welches sich um einen Patienten bildet, das gemeinsam in dieselbe Richtung zieht. Und in diesem Team sollte mindestens ein Mitglied über einen Doktortitel verfügen – noch einmal DANKE Dr. Barth!

Und genauso haben wir aus einer fatalen Schockdiagnose mit prognostizierten Horrorvisionen mehr als acht gute Überlebensjahre gemacht. Und ganz nebenbei haben wir in dieser Zeit die ganze Bucketlist meines Göttergatten abarbeiten können. Klingt einfach? War es nicht! Aber es hat sich mehr als gelohnt – jeder noch so harte Sondereinsatz war es wert.

Habe ich schon erwähnt: DANKE DR. BARTH, Sie waren das beste Teammitglied, das man sich in einer solchen Situation nur wünschen kann.

P.S.: Die künstliche Intelligenz hat übrigens das Titelbild generiert, weil ich das Wort KAMPFSAU eingegeben habe … so habe ich mich tatsächlich mehrfach gefühlt ….!

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