von süss bis ungeniessbar

58ig und kein bisschen weise

Ich weiss, dass ich keinen Alkohol vertrage – er tut mir nicht gut. Und trotzdem habe ich wieder einmal (und das kommt wirklich äusserst selten vor) einen Espresso-Martini genossen. In meinem Lieblingshotel der ultimativen Lieblingsstadt Hamburg.
Resultat: Nach einer durchzogenen Nacht musste ich am andere Morgen leiden. Und die weltbeste Butleresse Astrid hat sich so liebevoll gekümmert, dass ich nach einem Schläfchen NACH dem Frühstück ein Katerkörbchen bekommen habe.

Astrid, Du bist ein Engel!

Aber ganz von vorne: Meine zweite Heimat ist wieder einmal der sichere Hafen, wenn Seelen Grenzen sprengen und heilen müssen. Diesmal ist es nicht nur für mich, sondern für einen lieben Freund, der mit mir dasselbe Schicksal teilt. Wir mussten beide unsere grossen Lieben ziehen lassen und ihm war nicht klar, ob er den Gang in den schönen Hagenbecker Zoo ohne seine grosse Liebe noch einmal gehen könnte. Also haben wir uns verbündet – zusammen rudert es sich besser, als alleine!

Was soll ich sagen: He did it! We did it!

Und der Elefantenbulle hatte uns erwartet. Er kam auf uns zu, als ob er sagen wollte: Schön, dass ihr da seid. Man darf die grauen Riesen dort zwar nun auch im Hagenbeck nicht mehr füttern (Keime und so). Aber er kam ganz nah – und wir haben gemeinsam eine weitere Grenze gesprengt, von der wir vorher nicht wussten, ob wir sie würden sprengen können. Aktiv trauern und sich bewusst schwierigen Situationen stellen ist anstrengend. Aber es hilft, um im Spiel des Lebens weitere Schritte in die richtige Richtung gehen zu können.

Wie oft vergessen wir, dass wir manchmal zu sehr im alten Leben hängen bleiben, welches nicht mehr zurückkommen wird. Also gibt es nur die Flucht nach vorne. Proaktiv selber den Mut haben, den ganz EIGENEN und neuen Weg zu beschreiten. Mal flügellahm, mal lädiert, mal zuversichtlich und im Optimalfall glücklich. Denn auch wenn wir verloren haben, was viele im Leben nie finden durften, so haben wir trotzdem das Recht, auf unserem Weg ohne die grosse Liebe glücklich zu sein. Wir haben das Recht, zu lachen, uns zu freuen, das Leben zu geniessen und dabei nicht ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Trauern tut weh und ist manchmal kaum auszuhalten. Deswegen aber den Kopf in den Sand zu stecken und aufzuhören, fröhlich zu sein, ist keine Option. Dann sterben wir nämlich innerlich mit. Und dafür ist das Leben viel zu wertvoll.

Hamburg hat sich in jeder Hinsicht einmal mehr von seiner besten und charmantesten Art gezeigt. Die Stadt und ihre Menschen haben uns mit soviel Offenheit, Humor und Liebe empfangen, dass die Seelen hier einen weiteren Schritt in Richtung Heilung machen durften.

Hamburg wird für mich nie einfach nur eine Stadt. Ich verbinde mit diesem Ort soviel mehr. Und auf den Spuren der Vergangenheit auf dem Weg in die Zukunft sehe ich hier soviele Zeichen, dass ich weiss: Es gibt nur diesen einen Weg – mit dem Blick nach vorne.

Alles zum ersten Mal …

… alleine, tut weh!

Seit Deinem Tod habe ich schon so unglaublich vieles alleine durchgestanden, erlebt, abgearbeitet oder einfach gemacht. Deinen Geburtstag, die Geburtstage unserer Kinder, die Geburtstage unserer Enkelkinder, der Geburtstag meiner Mama (der Papa folgt als letzter) und nun war es vor wenigen Tag mein Geburtstag.

Wir haben zu Lebzeiten nie eine grosse Sache aus unseren Geburtstagen gemacht. Bis Deine Diagnose kam! Ab da war Dein Geburtstag jedes Jahr ein weiterer Meilenstein in unserer Onkogeschichte. Und ab da war Dir auch wichtig, dass ich meinen Geburtstag feiere, weil es auf einmal nicht mehr selbstverständlich war, dass man seinen Geburtstag feiern kann.

Mir war – sorry Mick – so gar nicht nach feiern zumute. Ich hatte einfach den ganzen Tag kalten Schweiss am Körper, mir war schlecht, ich hatte Schmerzen in den Knochen und ich war mir sicher, dass ich demnächst einbrechen würde.

Nun, ich bin nicht total eingebrochen – zumindest nicht äusserlich. Innerlich aber irgendwie schon. Für mich wurde gesungen, die Enkel haben gelacht uns sich über Kuchen und Budderli (Windbeutel) gefreut und es war alles lecker und wie immer. ODER EBEN NICHT! Es wird nie mehr, wie es immer war.

Diese inneren Kämpfe an all diesen Daten, die ich zum ersten Mal ohne Dich erlebe, machen mich manchmal so kaputt, dass ich in eine Ecke kriechen und nicht mehr rauskommen möchte. Das Loch, dass Du hinterlassen hast, ist unbeschreiblich. Und es tut immer weh. Nicht immer gleich schlimm – aber es ist immer da.

Wie oft habe ich Dich gefragt, ob ich es alleine schaffen werde. Du hast immer gesagt: „Logisch wirst Du, weil Du stark bist. Und Du wirst auch nicht alleine sein.“

Stimmt – ich bin gut eingebettet, also eigentlich optimal eingebettet. Aber in der Seele bleibt man alleine – diese Kämpfe kann man nur alleine kämpfen und aushalten muss man es auch alleine. Und ja, ich bin stark, aber es fühlt sich an manchen Tagen einfach nur furchtbar an und dann könnte ich schreien, wenn mir wieder einfällt, dass Du mich immer als stark bezeichnet hast. Dann fühle ich mich nämlich einfach nur schwach, alleine, klein und traurig.

Ich frage mich manchmal, wie Du umgekehrt mit der Situation umgehen würdest. Ich weiss es nicht. Du hast immer gesagt, dass Du froh seist, dass es nicht umgekehrt sei, weil Du damit niemals umgehen könntest.

Nun, aktuell ist meine Seele und mein Körper auch gerade im Leidensmodus – und ich versuche mit aller Kraft, mich da wieder rauszukämpfen.

Mick, es ist nicht einfach ohne Dich.
Die Liebe bleibt für immer – und damit auch der Schmerz.

Ich schicke Dir eine feste Umarmung zur Venus.

Dein letzter Flug

Hey Mick

Die silberne DC3 – Dein Herzensflugzeug, dessen Überflug aus den USA in die Schweiz Du begleitet hast, hat Dich heute – wie Du es Dir gewünscht hast – auf Deinen letzten Flug mitgenommen. Mein Herz war schwer, als ich Deine Asche aus der Urne in den Stoffbeutel umfüllen musste, um Dich mit ins Flugzeug nehmen zu können. Es war nicht schwer, weil ich diese Aktivität belastend fand. Es war eher der Gedanke an alles, was Dich mit der Fliegerei verbunden hat.

Auf der Hinfahrt zum Flughafen habe ich abwechselnd geweint und gelacht, weil ich Dich auf dem Beifahrersitz im Beutel habe mitfahren lassen – schräger Gedanke.

Auf der Flugzeugtreppe fand ich dann den Anblick des Beutels irgendwie schon besser. Du hättest gelacht. Zumal ich den Beutel mit einem Deiner bunten Schuhbändel zugebunden habe.

Im Flugzeug hat mein lieber Onkel, Dein Flugzeugbuddy und Fliegerfreund Dich liebevoll angegurtet, so wie sich das eben gehört.



Ich muss zugeben, ich war etwas nervös. Ob ich es schaffen würde, Dich – zusammen mit unserer verstorbenen Hündin Ellie – im richtigen Moment und in der richtigen Dosierung aus dem Cockpitfenster freizulassen? Aber mit Hilfe des erfahrenen Piloten-Onkels haben wir es geschaft, Dich ziemlich punktgenau über unserem Zuhause am Jurasüdfuss fliegen zu lassen.

Der Sohnemann hat mich dabei begleitet, während unser Tochterkind von zu Hause gefilmt und fotografiert hat. Und sie hat dabei einen Schuss erwischt, den mal erst mal schaffen muss. Wenn man das Foto genau betrachtet sieht man nämlich, dass die Asche an der Heckflosse sich den Weg als sanfter Silberstreifen in die Luft bahnt.




Dein letzter Wunsch ist damit geglückt – an einem sonnigen Tag und ebenfalls an einem 18. des Monats (gestorben bist Du ebenfalls an einem 18.).

Wir haben also unsere Geschichte zu Ende geschrieben, wie Du sie Dir vorgestellt hast. Und ich wünsche mir so sehr, dass Du jetzt überall bist, wo Flugzeugmotoren brummen und Dein Herz hüpft. Also gesetzt der Fall, Du hast überhaupt Zeit, zwischendurch mal von der Venus einen Abstecher in unsere Sphären zu machen.

Genau 7 Monate nach Deinem Tod haben wir Dich nun endgültig fliegen lassen. Frei – so wie Du Dir das immer gewünscht hast.

Ich bin stolz auf Dich, mich, unsere Kinder – kurz auf UNS!

Und ich bin froh, dass der Onkel Deinen Wunsch erfüllen konnte. Die Onkeline hat zu danken (er nennt mich so, weil er sich den Namen „Nichte“ nicht merken kann).

Wir vermissen Dich, Mick … für immer!

Und dann kam Max

Meine treuen Leserinnen und Leser wissen, was ich am 18. Januar verloren habe:
Meinen Göttergatten.
Wenn ich mir bewusst mache, was ich an ihm alles verloren habe, dann wird es richtig heftig:

Er war mein bester Freund, bestriechender Mann, intelligentester Diskussionspartner, klarster Kritiker, sanftester Bär, Fels in der Brandung, wunderbarster Umarmer, grösster Schalk, kompliziertester Denker, hilfsbereitester Gango, weltbester Koch, flexibelster Urlaubsbegleiter und kreativster Chaot. Er war eigentlich all das, was ich mir als Jugendliche von einem Mann gewünscht habe – so einfach ist das.

Und jetzt, mit 58 Jahren weiss ich, dass es einen solchen Menschen kein zweites mal gibt. Nicht einmal ansatzweise!

Wenn ich mich einmal um mich selber drehe und so schaue, was da draussen alles so an Partnerwechseln im Laufe der Jahre passiert sind, dann frage ich mich: WIE MACHT MAN DAS?

Ich habe vor mehreren Jahrzehnten aufgehört, mich um die Männerwelt da draussen zu kümmern. Ich hatte meinen Platz gefunden. Ergo: Selbst wenn ich einen neuen Partner möchte, ich wüsste nicht, wie man das heute anstellt. Geht eine Frau mit 58 alleine auf die freie Wildbahn, läuft sie höchstens Gefahr, dumm angemacht zu werden. Und darin bin ich sauschlecht – da werde ich nämlich ziemlich unnett!!

Inzwischen habe ich mich von verschiednen Seiten darüber aufklären lassen, dass man in meinem Alter und mit meinen Ansprüchen besser auf den gängigen Partnerschaftsplattformen suchen würde. Aha!!! Und wie macht man sowas??? Ich habe den Göttergatten noch live und in Farbe kennengelernt und KABOOM war ich verliebt in ihn. So quasi vom Blitz getroffen oder so …

Okay, jetzt kommts: Ich wollte wissen, wie diese Plattformen funktionieren. NEIN, ich suche keinen neuen Partner, möchte aber wissen, wie das heute läuft. Also habe ich mich auf den 7 seriösesten Plattformen (gemäss einer Studie) für 24 Stunden angemeldet, um zu sehen, wie das so läuft. WOW – was für eine Erfahrung.

Ich war echt froh, als ich meinen 24-Stunden-Test beenden konnte. Ich habe im Leben noch nie so oft den „BLOCKIEREN“-Button gedrückt, wie in diesen 24 Stunden. Und dabei hatte ich mir auf allen Plattformen die Mühe gemacht, mein Profil ehrlich und detailliert zu verfassen. Also KEIN Fake und auch keine Lügen.

„Du bisch e de e Härzigi“. (Max, 63jährig)
„Kannscht du kochen?“. (Sebi, 68jährig)
„Ich möchte dich gärn kenenlernen.“ (Erich, 53jährig)
„Ich bin atracktiv und suche genau dich.“ (Fredu, 57jährig)

Fazit meines Tests:

Die guten Kandidaten sind VERheiratet, VERliebt, VERgeben oder VERstorben. Auf den Plattformen tummeln sich die einsamen Herzen mit einem Zuckerguss an Eigenschaften, die mir die Haare zu Berge haben stehen lassen. Nein, nicht einmal vielleicht möchte ich mit einem dieser Herren – die sich selber meistens als attraktiv bezeichnen – einen Kaffee trinken gehen. Und bei Max wusste ich nicht einmal genau, wohin die Zähne in seinem Mund alle gehören (vermutlich geklaut).

Gelobt sei mir die echte Welt und auch wenn der Göttergatte meinte, ich dürfe und solle im Leben nicht alleine bleiben, dann müsste er sich schon sehr bemühen, mir einen valablen Kandidaten von der Venus runterzuwerfen.

P.S.: Zum Glück habe ich jetzt einen Thermomix. Bestimmt schaffe ich es, mir einen zu backen – allemal besser, als die Typen auf den Plattformen.

Was denn nun?

Das mit der Trauer, das ist so eine Sache. An manchen Tagen könnte ich Bäume ausreissen und lache viel, an anderen fühle ich mich überfahren und könnte nur heulen. Glücklicherweise sind die guten Tage klar in der Überzahl. Aber ich komme manchmal bei meinem Gefühlschaos selber nicht hinterher. Wie soll es da meine Aussenwelt verstehen?

„Ich sehe, Du lachst sehr viel. Dann geht es Dir also wieder gut?“

Ja, es geht mir gut. Das bedeutet aber nicht, dass die Trauer vorbei ist – sie hat nämlich kein Ablaufdatum und ist nach einer fast 40-jährigen Beziehung auch nie vorbei. Nur weil man wieder lacht, heisst das nicht, dass man aufgehört hat, zu trauern.

„Oh, warum weinst Du – es ging Dir doch in letzter Zeit wieder gut?“

Weil ich traurig bin, dass mein Göttergatte nicht mehr da ist. Und weil ich vermutlich auch für den Rest meines Lebens trauern werde. Das heisst aber nicht, dass ich deswegen nur noch weinen werde. Das will ich nicht und das hätte er nicht gewollt. Aber es gibt Tage, da ist das Tränenfass so voll, dass es einfach überläuft. Deswegen ist man aber nicht wieder am Anfang der Trauer. Man ist auf dem Weg! Notabene ein Weg, der hoch und runter geht und bei dem niemand weiss, wohin er einen führt.

Jeder Trauerweg sieht anders aus und es ist deshalb auch weder zu früh, zu spät, oder zu falsch, wenn man lacht oder weint oder manchmal auch beides im Wechsel am selben Tag. Es ist ein ziemliches Chaos in der Seele und im Kopf.

Ich stelle mir das in etwa so vor, als ob man ein grosses Loch im Herzen zu füllen versucht, indem man verzweifelt Backpulver, Zucker, Mehl, Milch und Eier reinmixt. Es gibt Tage, da fühlt sich das Loch mit dem Kuchen drin ganz okay an. An anderen Tagen war es zuviel Backpulver und die ganze Herzgeschichte explodiert. Oder man erwischt schlechte Eier und es stinkt zum Himmel. Oder bei zuviel Milch läuft es einfach durch das Loch durch und es ändert rein gar nichts am Zustand!

Und wer jetzt denkt: Hat sie nun endgültig einen an der Waffel?
Jap, manchmal habe ich das wirklich. Das Chaos im Herzen und im Kopf ist tatsächlich nicht immer einfach zu durchschauen und muss für Aussenstehende oft einfach unverständlich sein. Aber ich komme klar! Und ich hoffe, dass ihr das auch tut.

Wenn nicht, einfach fragen. An guten Tagen kann ich den aktuellen Gemütszustand sogar definieren.

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