Soviele Dinge sind aktuell für mich nicht zu fassen, obwohl mein rationales Denken sie eigentlich gut einordnen kann. Irgendwie bleiben sie gerade noch unfassbar.
Das Bild von Dir, wie Du in Hamburg vor der Bäckerei stehst, ist gerade mal ein Monat alt. Immer, wenn ich dieses Bild anschaue, brechen bei mir die Dämme. Es war unsere letzte gemeinsame Reise in unsere zweite Heimat. Ich wusste, dass es unsere letzte Reise sein würde. Du hast gehofft, dass Du das Unmögliche noch einmal schaffen würdest und der Kampf zurück noch einmal möglich sein könnte.
Wir haben in diesen vier Tagen in Hamburg jede Sekunde gemeinsam genossen. Wir haben unser Leben gefeiert und die Welt stand für eine kurze Zeit für uns still. Es hat sich alles angefühlt „wie früher“, als Du noch gesund warst. Ich weiss, dass ich unseren Kindern geschrieben habe, dass wir am liebsten dort in unserer heilen Bubble bleiben würden. Leider hatten wir aber am 30. Dezember einen wichtigen Onkotermin der uns zwang, zurück in die Schweiz zu fliegen.
Es hat noch nie so weh getan, aus Hamburg zurückzufliegen – mein Bauch wusste, dass es unser letzter gemeinsamer Flug sein würde. Ich schluckte es runter und war still. Wir waren vermutlich noch auf keinem Flug so still, wie auf diesem. Ganz tief in Dir drin denke ich, wusstest Du es auch. Aber Du wolltest Dir Dein „mir geits guet“ bewahren und die Hoffnung nicht verlieren. So, wie Du es über acht Jahre erfolgreich gemacht hast.
Und jetzt, wo wieder etwas Ruhe bei mir einkehrt (es sind schon zwei Wochen, seit Du gegangen bist), wird mir so richtig bewusst, dass die Menschen da draussen in der „WIR“- Form sprechen … und ich auf einmal in der ICH-Form. Ich habe gefühlt schon 100 Formulare ausgefüllt und überall muss ich ankreuzen „verwitwet“. Das fühlt sich hässlich an. Ich fühle mich immer noch verheiratet. Ich finde, dass der Ausdruck „verwitwet“ der dümmste Zivilstand ist, den man ankreuzen muss. Ja, Du würdest jetzt sagen: „Kreier ein eigenes Wort und mach einen Vorstoss!“ Ehm, also, mein Wort wäre dann „zwaralleineaberimmernochverheiratet“. Geht nicht? Okay, dann halt nicht …
All die schönen Erinnerungen mit Dir fühlen sich an, als ob sie gestern gewesen wären. Die Tatsache, dass Du gestorben bist, fühlt sich für mich schon so weit weg an. Mein Fokus liegt auf dem Schönen – eindeutig. Du wärst stolz auf mich, wie sehr ich mich über all die wunderbaren Erinnerungen freuen kann. Und wieviel ich lache! Du hast nicht gewollt, dass ich mich verkrieche. Ich bemühe mich sehr.
Und doch fühlen sich 1000 Momente falsch an. Und das werden sie noch lange – weil wenn ich die Haustüre höre, dann weiss ich, dass das nicht mehr Du sein kannst. Und das tut weh. Dein „Hallo, ig bi wider do“, fehlt so sehr.
Wenn Du hier mitliest, dann würdest Du jetzt sagen: „Sei froh, keiner mehr, der reinkommt und die Schuhe mitten im Eingang stehen lässt, weil er zuerst aufs Klo rennen muss.“
Weisst Du was? Ich wäre sogar um diese Schuhe im Eingang gerade sehr froh.
Ich schaff das, ich weiss … aber Du fehlst!