Jedes Jahr, fast identisch auf den Tag genau, blüht unsere wunderschöne Pfingstrose. Und jedes Jahr hat der Göttergatte diese Pracht bildlich festgehalten. Er war von uns der Fotograf mit dem ultimativen Auge. Ich drücke einfach irgendwie ab – und hoffe, dass das Objekt der Begierde auch auf dem Bild mit drauf ist.
In diesem Jahr fühlt sich diese Blütezeit komisch an. Sie blüht wunderschön und fast auf den Tag genau, wie die letzten drei Jahre. Aber diese Blüten machen mir so richtig bewusst, wie gnadenlos der Erdball sich weiterdreht, wenn ein geliebter Mensch vorausgegangen ist. Die Natur erwacht in voller Pracht und die Blüten unserer Pfingstrose zeigen sich in voller Grösse. Ihnen ist egal, ob und wer ein Foto von ihnen schiesst. Ihnen ist auch egal, wer sie wässert oder ob sich jemand an ihnen erfreut.
Für das menschliche Verständnis müssten doch diese Blüten zumindest eine Träne verdrücken, weil der Göttergatte nicht mehr da ist, um sich an ihnen zu erfreuen. Aber da ist nichts. Sie blühen stinkfrech vor sich hin und es ist ihnen schnurzegal.
Eigentlich eine gute Einrichtung, der Lauf der Dinge – denn würde es bei jedem Todesfall zum Stillstand kommen, dann würde sich unser Erdball nicht mehr drehen. Eine logische Konsequenz aus Anfang und Ende, aus Leben und Sterben und aus der Historie der Menschheit.
Der Kopf weiss es. Und doch fühlen sich die Blüten in diesem Jahr besonders an. Besonders schön, besonders frech und besonders aufmüpfig. Als ob sie sagen möchten: Und wir blühen genauso weiter, wie wir das immer getan haben.
Recht haben sie. Diesmal schneide ich mir aber eine ab und nehme sie zu mir auf den Salontisch. Warum? Weil ich das früher nie gemacht habe und schliesslich ist es nicht mehr wie früher.
