von süss bis ungeniessbar

Hallo Schönheit

Jedes Jahr, fast identisch auf den Tag genau, blüht unsere wunderschöne Pfingstrose. Und jedes Jahr hat der Göttergatte diese Pracht bildlich festgehalten. Er war von uns der Fotograf mit dem ultimativen Auge. Ich drücke einfach irgendwie ab – und hoffe, dass das Objekt der Begierde auch auf dem Bild mit drauf ist.

In diesem Jahr fühlt sich diese Blütezeit komisch an. Sie blüht wunderschön und fast auf den Tag genau, wie die letzten drei Jahre. Aber diese Blüten machen mir so richtig bewusst, wie gnadenlos der Erdball sich weiterdreht, wenn ein geliebter Mensch vorausgegangen ist. Die Natur erwacht in voller Pracht und die Blüten unserer Pfingstrose zeigen sich in voller Grösse. Ihnen ist egal, ob und wer ein Foto von ihnen schiesst. Ihnen ist auch egal, wer sie wässert oder ob sich jemand an ihnen erfreut.

Für das menschliche Verständnis müssten doch diese Blüten zumindest eine Träne verdrücken, weil der Göttergatte nicht mehr da ist, um sich an ihnen zu erfreuen. Aber da ist nichts. Sie blühen stinkfrech vor sich hin und es ist ihnen schnurzegal.

Eigentlich eine gute Einrichtung, der Lauf der Dinge – denn würde es bei jedem Todesfall zum Stillstand kommen, dann würde sich unser Erdball nicht mehr drehen. Eine logische Konsequenz aus Anfang und Ende, aus Leben und Sterben und aus der Historie der Menschheit.

Der Kopf weiss es. Und doch fühlen sich die Blüten in diesem Jahr besonders an. Besonders schön, besonders frech und besonders aufmüpfig. Als ob sie sagen möchten: Und wir blühen genauso weiter, wie wir das immer getan haben.

Recht haben sie. Diesmal schneide ich mir aber eine ab und nehme sie zu mir auf den Salontisch. Warum? Weil ich das früher nie gemacht habe und schliesslich ist es nicht mehr wie früher.

Grenzen sprengen für Anfänger

Ich gehöre nicht zu den Mutigen dieser Welt. Eigentlich würde ich sogar soweit gehen, dass ich in vielerlei Hinsicht ein wahrer Angsthase bin. Die letzten Jahre auf dem Onkoplaneten haben das leider nicht besser gemacht – im Gegenteil. Ich wurde noch ängstlicher und fatalistischer. Nun probiere ich mich Schritt für Schritt wieder mehr in Richtung Mut und Freiheit zu kämpfen. Was für andere ganz normal ist, wird für mich eine Herkulesaufgabe.

Welche persönlichen Grenzen habe ich die letzten Tage für mich gesprengt?

. Ich habe einen Nachtflug absolviert.
. Ich habe eine klimatisierte Mall mit Kunstlicht und gefühlt Millionen Menschen besucht.
. Ich bin jeden Tag im Meer geschwommen, selbst mit ziemlichem Wellengang.
. Trotz Quallen habe ich mich ins Meer gewagt.
. Ich habe mich in ein Kopftuch und einen Umhang gehüllt.
. Ich habe eine Moschee zu besucht.
. Ich habe beim Chinesen gegessen.
. Ich bin trotz massiver Bauchprobleme (hat nichts mit dem Chinesen zu tun) nicht vorzeitig abgereist.

So, und auch wenn das für die meisten von euch vermutlich keine wirklich mutigen Aktionen sind, so klopfe ich mir jetzt einmal selber auf die Schulter und sage:

GUT GEMACHT! Die Richtung stimmt. Zwar in kleinen Schritten, aber in die richtige Richtung.

Ich weiss, dass der Göttergatte verdammt stolz auf mich wäre, denn er wusste, was für ein Angsthase ich bin. Wie sage ich immer so schön: Je grösser die Klappe, umso kleiner der Mut. Stimmt in meinem Fall absolut!

Ich nehme jetzt also noch die nächsten 12 Stunden Rückreise in Angriff und dann bin ich ein kleines bisschen weiter in meiner persönlichen Entwicklung. Und die wird niemals aufhören – solange ich lebe nicht!

1001 Nacht …

… oder 1001 Missverständnis.

Wenn meine liebe Reisebuddy Manu sich gerne die Grand Moschee Zayed in Abu Dhabi anschauen möchte, dann rümpfe ich zuerst mal mächtig die Nase. Wozuuuuuuu?
Von aussen ist das Ding doch auch schön!!! Und es herrschen Aussentemperaturen von 43 Grad …

Okay, kurz und gut, Manu gewinnt den Überzeugungskampf und ich erkläre mich bereit, mich in ein 100% Polyester-Gewand mit Kopftuch zu hüllen, während die Männer einfach an uns vorbei in die Moschee latschen dürfen, wie sie möchten. Die kleine Emanze in mir macht Purzelbäume und ich nehme mir vor, mich NICHT zu ärgern. Deren Religion, deren Regeln! Und ich gebe zu, Manu’s Überzeugungskraft hat sich gelohnt, die Moschee ist ein Traum.
Dass ich dort aber auf Spanisch angesprochen werde, lässt darauf schliessen, dass meine sonnengebräunte Haut und das Outfit mir ein spanisches Aussehen verleihen. Krass! Ich bin aber froh, nach dem Besuch wieder die Schweizerin in mir zu enthüllen. Das wäre also auf Dauer nichts für mich …

Die äusserst freundlichen Servicemenschen hier im Hotel sind ausschliesslich indischer oder thailandischer Abstammung. Unser lustiger Liebling aus Indien hat mich gestern bestimmt 20 mal gefragt, wie ich ISTA hier verbracht habe. Meine Güte, was habe ich gehirnt, was dieses ISTA sein könnte. Habt ihr schon mal einen Inder gehört, wie er in Englisch „Easter“ ausspricht? Keine Chance! Ein anderer Tourist hat mir dann auf die Sprünge geholfen und ich hatte einen Lachkrampf. ISTA ist wie KRISTMA (Christmas) – versteht kein Mensch … sorry. Es klingt ohnehin saulustig, wenn hier die Angestellten Englisch sprechen. Wie Kaya Yanar, wenn er den Inder mimt.

Beim Frühstück haben wir uns heute überlegt, was noch die Abschlussaktivitäten unserer letzten Tage hier sein könnten. Manu war spontan und meinte:

„Wir reissen uns „e Scheiche“ aus!“
Ich so: „Warum reissen wir uns ein Bein aus?“
Sie so: „Taube Nuss, ich habe gesagt, wir reissen uns einen Scheich auf!“

Wow – was für Missverständnisse hier passieren. Und im ernst: Ich reiss mir lieber ein Bein aus, als einen Scheich auf. Diese Männer sind zwar hübsch, aber mit ihren weissen Gewändern doch sehr gewöhnungsbedürftig. Nope – kein Scheich für uns!

Warum ich hier übrigens überall als Miss Daniela (Fräulein) und Manu als Misses Manuela (Frau) angesprochen werden, das will sich mir bis jetzt nicht erschliessen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich wie ein Fräulein aussehe. Eher wie eine gestandene Frau mit manchmal ziemlich blitzender Ausstrahlung, wenn mir jemand auf die Nerven geht.

Und die Tatsache, dass gestern jedes Taxi, das an uns vorbeigefahren ist, gehupt hat, hat mich auch zuerst verwirrt. Wir haben per Fussmarsch den Weg zum übernächsten Hotel gemacht. 10 Minuten Entfernung. Das scheint man hier nicht gewöhnt zu sein. Alle wollten die zwei armen Frauen mitnehmen.

Andere Länder, andere Sitten. Urlaub ja! Hier leben – nicht mal vielleicht!

10’000 Schritte für Dich

Hey Mick

Ich gucke aktuell auf türkisfarbenes Meer und habe Delfine in Freiheit springen sehen. Und bei allem frage ich mich, was Du wohl dazu sagen würdest, weil ich weiss, dass Du es geliebt hast.

In allen Meerferien warst Du immer derjenige, der gefühlt stundenlang am Meer entlang spazieren konnte und auf das gigantisch grosse Nass geguckt hast. Ich lag lieber auf dem Liegestuhl. Deshalb habe ich hier nun meine ersten 10’000 Schritte am Meer an Tag zwei nur für Dich gemacht. Und ich habe die wunderschöne Farbe des gigantischen Nasses mit Deinen Augen zu sehen versucht. Hast Du es auch gesehen?

Es ist wunderschön hier – und es herrschen Deine Temperaturen bei 36 Grad im Schatten. Ich muss aber gestehen, dass ich völlig irrational immer wieder denke, dass Du eigentlich hier sein müsstest und nicht ich. Mir ist klar, dass diese Überlegung komplett unlogisch ist – aber Trauer und Liebe haben nunmal nichts mit Logik zu tun. Wir wollten im letzten November hier noch zusammen hin, als auf einmal klar war, dass das nicht mehr gehen würde. Und wir mussten alles absagen. Deshalb habe ich es jetzt nachgeholt.

Ich habe oft Mühe hier, zu geniessen, was ich sehe. Warum? Weil ich finde, dass Du es auch sehen müsstest. Es würde Dir gefallen.

Trauern und Geniessen gleichzeitig ist schwierig, Mick. Und ich weiss auch, was Du jetzt sagen würdest: „Geniess jetzt einfach die Ferien – traurig sein kannst Du ein anderes mal.“ Und ich weiss sogar, dass Du das gekonnt hättest. Du konntest Deine Gedanken auf Knopfdruck ein- und ausschalten. Leider gelingt mir das nicht. Ich bin da nicht so die Meisterin wie Du das warst. Nur so ist es Dir nämlich gelungen, diese lange Krankheit so gut zu überstehen. Du konntest den Schalter umlegen wie sonst keiner. Ich bin eher diejenige, die vor dem grossen Schaltpult steht und wie irr auf den Knöpfen rumdrückt, die dann irgendwie doch die Falschen sind.

An manchen Tagen geht es besser, an anderen überhaupt nicht – es ist ein Kraftakt, ohne Dich weiterzugehen. Aber ich werde es schaffen, weil Du das möchtest und immer stolz auf meine Kraft warst.

Ich vermisse Dich!

Blumen zur Venus

Heute würde der Göttergatte mir 37 rote Rosen bringen. Immer am 17. April hat er es gefeiert, dass ich unseren Kennenlerntag über Jahre vergessen habe. Ich hatte immer nur den Hochzeitstag (22. Juni) im Kopf. Und weil wir vor dem 17. April 1988 schon einmal ein Paar gewesen waren, hatte ich dieses Datum nie so wirklich im Kopf … bis er eines Jahres auf einmal zu mir gesagt hat:
„So, ab jetzt sage ich Dir nicht mehr, dass der Kennenlerntag vor der Tür steht. Dann kannst Du Dich schlecht fühlen, wenn ich mit Rosen komme und Du wieder nicht weisst, wieso!“
Ab da hatte ich den 17. April eingeschrieben.

Und heute kämen sie also, die 37 roten Rosen. Ich versuche es zu ignorieren – schliesslich habe ich immer behauptet, dass mir solche Daten nicht wichtig sind. Krass, dass sie es nun doch sind, wenn der Herzmensch auf einmal fehlt.

Ich habe die Sträusse immer fotografiert – auf dem Bild ist ein Strauss von vielen, die ich von ihm im Verlauf unserer langen Beziehung bekommen habe. Ich hoffe, dass das Bild ihn auf der Venus erreicht und ihm ein Grinsen aufs Gesicht zaubert. Im Inneren höre ich ihn sagen:
„Soso, jetzt wo ich nicht mehr da bin kannst Du Dir das Datum auf einmal merken, hä?“

Im übrigen ist es eigentlich 42 Jahre her, dass wir das erste mal Seite an Seite gingen. Aber weil ich ihm damals zu jung war (ich süsse 15, er 20jährig), hat er mich abserviert mit den Worten:
„Ich bin ja nicht wahnsinnig, im komme sonst Deinetwegen noch in den Knast. Ich würde vorschlagen, Du kommst wieder, wenn Du volljährig bist.“

Boah Leute, war ich sauer! STINKESAUER sogar. Vor lauter Wut habe ich damals sogar das Fresspaket selber gegessen, dass ich ihm fürs Militär vorbereitet hatte. Meine Mama hat sich ein Loch in den Bauch gelacht …!

Und ja – ich stand dann tatsächlich mit der Volljährigkeit wieder vor Göga’s Tür. Also das ist die sehr abgekürzte Version unserer Story, aber in etwas so lief das. Und ich amüsiere mich heute noch köstlich über diese Tatsache. Ab da wurde er mich nämlich nicht mehr los!!!

Schatz – ich hoffe, Du liest heute mit – happy anniversary!

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